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„Innovationen und Herausforderungen barrierefreier Medienangebote“: Konstruktiver Dialog zwischen Sendern, Betroffenenverbänden und Medienaufsicht

5. Juni 2015

Aus Anlass der Anfang Juni 2015 in Berlin stattfindenden Finalspiele des DFB-Pokals und der Champions League richtete Sky in der Hauptstadt die „Champions Week“ mit einer Vielzahl von Veranstaltungen rund um das Thema Sport aus.

Im Rahmen der Eventwoche hatten Sky Deutschland und der Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) Vertreter von Betroffenenorganisationen, der Medienaufsicht und der Medienpolitik eingeladen, sich am 2. Juni 2015 gemeinsam über „Innovationen und Herausforderungen barrierefreier Medienangebote“ auszutauschen. Die Veranstaltung wollte einen Einblick in die Praxis geben, wie deutsche Privatsender derzeit ihre Medienangebote, unter anderem Fußballsendungen, barrierefrei gestalten und mit den Betroffenen ins Gespräch kommen.

In der ersten Präsentation schilderten Patricia Koob (Sky Deutschland) und Anja Turner (Ericsson Broadcast & Media Services) den Arbeitsablauf, wie Sky seit 2013 Untertitel für die Sky-Bundesliga-Konferenz erstellt. Rund 140 Stunden Live-Untertitelung nimmt Sky insgesamt pro Jahr vor, neben den rund 120 untertitelten Spielfilmen, die Sky Deutschland über seine Services Sky Go und Sky Anytime anbietet.

Eine der zentralen Herausforderungen für Sky ist, auf Basis der begrenzten finanziellen Mittel dennoch stetig das Angebot und auch die Qualität der Untertitelung zu verbessern. Ein mehrköpfiges Redaktionsteam bereitet die Untertitelung der Live-Sendungen vor, welche bei Sky nach der Respeaking-Methode erfolgt. Die Respeaking-Methode erlaubt eine höhere Genauigkeit als eine direkte technische Umwandlung des Originalkommentars in Untertitel, ist aber auch kostenaufwendiger.

Die spezifischen Herausforderungen einer Reality-Show mit Live-Anteilen schilderten Jessica Lilienthal und Thomas Rädler von der ProSieben Sat.1 Media AG am Beispiel der ProSieben-Sendereihe „Germany‘s Next Topmodel“. Bereits seit 2000 bietet ProSiebenSat.1 Untertitel für Gehörlose und Schwerhörige in seinen TV-Programmen an. Waren es vor 15 Jahren rund 50 Spielfilme mit Untertitelung pro Jahr, erfolgten in der ersten Jahreshälfte 2015 bereits ca. 600 untertitelte Ausstrahlungen.

In diesem Jahr sendete ProSieben mit „Germany‘s Next Topmodel“ erstmals eine mit Untertiteln versehene Show. Die besondere Herausforderung bestand insbesondere in den kurzen Abständen zwischen den Produktionsenden und der Ausstrahlung der einzelnen Folgen der über mehrere Wochen laufenden Sendereihe. Die Anfertigung der Untertitel konnte daher nicht langfristig geplant und produziert werden, was einen höheren logistischen Aufwand erforderte.

Im Zuge des Ausbaus des Untertitelangebots hatte die Sendergruppe den Kontakt zum Gehörlosen-Verband Bayern und zu Kooperationspartnern, wie dem ORF, gesucht. Der Austausch mit den Betroffenen führte zur Entscheidung, mit den begrenzten finanziellen Mitteln auch publikumsstarke Live-Shows – wie „Germany‘s Next Topmodel“ – zu untertiteln, obwohl der Aufwand hier wesentlich höher liegt als bei anderen Programmformaten.

Maren Rolfes von der Mediengruppe RTL Deutschland ging vor allem auf die unterschiedlichen Arbeitsabläufe und Kostenstrukturen bei der Untertitelung von fiktionalen Programmen und Live-Shows ein.

Die Sender der Mediengruppe haben ihr untertiteltes Programmangebot in den vergangenen Jahren stetig ausgebaut und bieten derzeit im Schnitt vier Stunden pro Tag an. Neben der Untertitelung von Live-Shows, wie „Let’s Dance“, oder Live-Sport-Events, wie den Qualifikationsspielen zur Fußball-Europameisterschaft, werden auch Spielfilme und TV-Serien untertitelt, so dass sich jeden Tag in der Primetime ein bis zwei untertitelte Sendungen im Programmangebot befinden.

Zu den spezifischen Herausforderungen gehört dabei, dass bereits vorgefertigte Untertitel für fiktionale Programme aufgrund kurzfristig notwendiger Änderungen der Sendelängen neben dem Bildschnitt auch noch einmal bearbeitet werden müssen, um eine Synchronität mit den Umschnitterfordernissen herzustellen. Einzuhaltende Jugendschutzbestimmungen und die jeweilige Auslastungssituation in den Werbeinseln bedingen, eine explizit für diesen Sendetag passende Schnittfassung zu erstellen.

Bereits während der Präsentationen entwickelte sich ein konstruktiver Dialog zwischen den Sendervertretern und den dreißig anwesenden Gästen. Das Themenspektrum reichte von Fragen zur Qualität von Untertiteln, der Ausbildung von Untertitelredakteuren über neue technische Möglichkeiten, Audiodeskription, bis hin zu den Aspekten der Auffindbarkeit, Finanzierung und Incentivierung.

Anna Maria Koolwaay vom Deutschen Schwerhörigenbund lobte die Sender für ihr bisheriges Engagement und verknüpfte dies mit der Hoffnung, dass sich die Auffindbarkeit von untertitelten Angeboten für die Betroffenen weiter verbessern möge, z. B. durch eine Untertiteltaste auf den Fernbedienungen.

VPRT-Geschäftsführer Claus Grewenig verwies darauf, dass es im Multiscreen- und Multiplattformzeitalter für die Sender generell eine Herausforderung sei, vom Zuschauer gefunden zu werden und der VPRT diesbezüglich in ständigen Gesprächen mit den Endgeräteherstellern stehe. Maren Rolfes betonte, dass das Engagement der Sender, mehr barrierefreie Angebote zur Verfügung zu stellen, mittels eines Anreiz-/Incentivierungs-Modells erleichtert werden würde. Dabei könnte beispielsweise das Thema Auffindbarkeit von Programmen und Sendern auf Plattformen, die mit Programmangeboten für Gehörlose und Schwerhörige einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen, im Fokus stehen.

Auch Dr. Dörte Hein von der Gemeinsamen Geschäftsstelle der Landesmedienanstalten wie auch der Stellvertreter des Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderung Schleswig-Holstein, Dirk Mitzloff, zeigten sich erfreut über die Anstrengungen der privaten Sender. Frau Dr. Hein verwies auf die von den Medienanstalten geplante Studie, mit welcher das Mediennutzungsverhalten von Menschen mit Behinderung näher untersucht werden soll. Die Diskussion während der Veranstaltung hatte gezeigt, dass umfangreichere Daten zu den zentralen Medienbedürfnissen Betroffener einen noch effektiveren Einsatz der begrenzten finanziellen Mittel ermöglichen könnten.

Dies vor allem mit Blick auf die von Claudia Schaffer und Reiner Delgado vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband angesprochene Thematik der Audiodeskription. Hier verwiesen die Sendervertreter darauf, dass im Vergleich zur Untertitelung der Kostenaufwand wesentlich immenser und die technische Umsetzung viel komplexer sei. Jessica Lilienthal äußerte die Zuversicht, dass sich mittels neuer technischer Möglichkeiten, wie OTT-Services, mittelfristig neue kostengünstigere Lösungen ergeben, die noch stärker individualisierte Angebote ermöglichen.

Thomas Zander vom Deutschen Gehörlosen-Bund benannte als Beispiel ein Projekt des rbb, bei dem die HbbTV-Technologie zur Schaffung von personalisierten Untertiteln getestet wird. Dr. Eva Flecken, Leiterin des Hauptstadtbüros von Sky Deutschland, betonte im Ausblick, dass die Sender auch weiterhin den Dialog mit den Betroffenenverbänden aufrecht halten wollen.

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